Enzymmangel-Durchfall
Laktose-Intoleranz
Es gibt nicht wenige Menschen, bei denen die Aufnahme bestimmter Kohlenhydrate und Stärkeprodukte regelmäßig zu Verdauungsbeschwerden, krampfartigen Bauchschmerzen und erheblichen Durchfällen führt. Meist werden auf diese Weise verursachte Beschwerden erst relativ spät erkannt und mit der tatsächlichen Ursache in direkte Verbindung gebracht, nicht zuletzt, weil die Betroffenen von sich aus diejenigen Nahrungsmittel meiden, die bei ihnen zu den regelmäßigen Verdauungsbeschwerden führen.
Normalerweise werden die mit der Nahrung aufgenommenen Glykogene und Polysaccharide (Zuckerstoffe) im Dünndarm zu Monosacchariden (Einzelzucker) aufgespalten und über spezifische Transportmechanismen in die Darmwand aufgenommen. Hierzu existieren spezifische Enzyme, die an den Bürstensaumzellen des Dünndarms sitzen. Sie bewirken die Aufspaltung der Kohlenhydrate aus Polysacchariden und Milchzucker (Lactose) zu den Monosacchariden. Erst in dieser Form können sie von den Transportmechanismen in der Darmwand aufgenommen (resorbiert) und an den Organismus weitergegeben werden. Dort werden sie als Bausteine den Zellen für die Energiegewinnung bereitgestellt.
Formen der Kohlenhydrat-Intoleranz
- Saccharose-Intoleranz (Rohr-, Rübenzucker)
- Glucose-Galaktose-Malabsorption
- Laktose-Intoleranz (Milchzucker)
Formen der Laktose-Intoleranz (Milchzucker)
- Angeborener Laktasemangel bei Säuglingen
- Passagerer (vorübergehender) Laktasemangel bei Frühgeborenen
- Schwere Intoleranz (Unverträglichkeit) bei Kleinkindern ohne Laktasemangel
- Genetisch bedingter Laktasemangel mit verzögertem Beginn
- Sekundärer Laktasemangel bei Darmerkrankungen
- Sekundärer Laktasemangel bei ungenügender Kontaktzeit (Magenoperation, Kurzdarmsyndrom)
Die Namen der spezifischen Enzyme lauten entsprechend den von ihnen aufgespaltenen Molekülen: Saccharidasen oder Lactasen.
Störungen bei der Verdauung von Kohlenhydraten werden im allgemeinen auf einen Mangel an den bestimmungsmäßigen Enzymen zurückgeführt, oder es liegt eine Störung des spezifischen Transportmechanimus vor, durch den die Stoffe aufgenommen und durch die Darmwand transportiert werden. Unabhängig aber von der zugrundeliegenden Ursache dieser Verdauungsstörung kommt es bei jeder Kohlenhydrat-Unverträglichkeit zu ähnlichen und vergleichbaren Beschwerden bei allen betroffenen Patienten.
Der nicht verstoffwechselte und nicht aus dem Darm transportierte Zucker hat im Darminneren eine hohe wasserbindende Wirksamkeit und sorgt dafür, daß vermehrt Wasser und Elektrolyte in das Darmlumen einströmen. Damit liegt bei jeder Lactose- oder Kohlenhydratintoleranz auch eine klassische Form des osmotischen Durchfalls (Diarrhoe) vor.
Als Folge des nunmehr vermehrten Volumens im Darminneren wird die Darmwand oft erheblich ausgedehnt, und es entstehen die typischen Bauchschmerzen. Diese treten vorzugsweise innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach derNahrungsaufnahme auf. Mit der Vergrößerung und Verflüssigung des Darminhaltes wird die Dauer der Darmpassage deutlich verkürzt, wodurch eine Rückresorption von Flüssigkeit und Nährstoffen in allen Darmabschnitten erschwert ist.
Die nicht aufgespaltenen und nicht resorbierten Kohlenhydrate gelangen im Dickdarm mit den dort angesiedelten Bakterien in Kontakt. Diese haben die Aufgabe, den unverdauten Darminhalt zu zersetzen. Aus den Kohlenhydraten entstehen vermehrt Gase wie Wasserstoff, Kohlendioxid und Methan. Starke Blähungen sind die unausweichliche Folge der vermehrten Gasbildung, die dann zu den ohnehin vorliegenden Verdauungsbeschwerden der Patienten hinzukommen.
Vorwiegend im Dünndarm werden die meisten der Elektrolyte und Mineralstoffe resorbiert und dem Organismus wieder zur Verfügung gestellt (Rückresorption). Dieser Mechanismus ist bei den Patienten durch die beschleunigte Darmpassage ebenfalls gestört, so daß immer auch ein außergewöhnlich hoher Verlust dieser wichtigen Bausteine des Körpers vorliegt.

Bei der Behandlung von Durchfällen, die auf einer gestörten Verdauung von Kohlenhydraten und Stärke beruhen, darf aus diesem Grund die Ergänzung von Elektrolyten und Mineralstoffen nicht vergessen werden. Kalium, Kalzium, Magnesium, Zink und Selen sind für die Zellen des Körpers unentbehrlich, und jeder Mangelzustand dieser Stoffe führt wiederum zu körperlichen Problemen, die mit der Muskulatur, dem Herzen und vor allem mit dem Immunsystem auftreten (siehe Kapitel „Behandlung des akuten Durchfalls“).

Die häufigste Form der Kohlenhydratintoleranz betrifft den Milchzucker (Lactose), gefolgt von einem Saccharase-Isomaltase-Mangel. Einige dieser Erkrankungen entwickeln sich auch auf dem Boden von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder nach größeren Darmoperationen. In den meisten Fällen sind diese Enzymstörungen angeboren, äußern sich aber selten bereits bei den Neugeborenen. Mit einer zeitlichen Verzögerung manifestieren sich die Erkrankungen meist zwischen dem 3. und 13. Lebensjahr.
All diese Verdauungsbeschwerden verschwinden im allgemeinen, wenn die unverträglichen Zuckerstoffe aus der Nahrung weggelassen werden.
Häufig erkennen die Patienten selbst, daß ihre Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle eng mit der Aufnahme von Milch und Milchprodukten zusammenhängen, und lassen diese Nahrungsmittel einfach weg.
Einheimische Sprue oder Zöliakie

Die einheimische Sprue oder Zöliakie beschreibt ein der Milchzucker- oder Lactose-Intoleranz sehr ähnliches Krankheitsbild, dem aber eine dauerhafte Unverträglichkeit gegen Gluten zugrunde liegt. In allen Getreiden, in Roggen, Weizen, Gerste und Hafer, befindet sich Gluten, und die einzige Therapie dieser Verdauungsstörung ist die konsequente und lebenslange glutenfreie Ernährung.

Das Krankheitsbild weist alle charakteristischen Zeichen einer sogenannten Malabsorptions-Erkrankung auf. Eine solche liegt immer dann vor, wenn bestimmte Bestandteile aus der aufgenommenen Nahrung nicht aufgespalten (verdaut) und über die Darmwand abtransportiert werden können. Unverdaute Nahrungsbestandteile verursachen nahezu regelmäßig typische Verdauungsbeschwerden, die mit Bauchschmerzen, vermehrter Gasbildung und Blähungen sowie mehr oder weniger starken Durchfällen verbunden sind.
Als Ursache der einheimischen Sprue wird das Zusammenspiel einer genetischen Veranlagung und einer immunologischen Reaktion angenommen, welches sich an der Oberfläche der Darmwandzellen abspielt. Zunächst besteht hierbei eine genetisch vorbestimmte (determinierte) Überempfindlichkeit gegen Gluten, die über verschiedene immunologische Reaktionen dazu führt, daß die betroffenen Patienten an der Oberfläche der Darmwandzellen Eiweißmoleküle (Proteine) ausbilden, die als Glutenrezeptoren fungieren. Gelangen nun glutenhaltige Nahrungsmittel an diese Rezeptoren, schaltet sich das Immunsystem ein. Es erkennt Gluten als Fremdstoff (Antigen) und beginnt mit der Antikörperbildung gegen diese vermeintlich fremde Substanz. Ein Antikörper hat normalerweise die Aufgabe, Fremdstoffe und potentiell schädigende Stoffe im Organismus zu neutralisieren und so unschädlich zu machen.
Weil bei den Sprue-Patienten das Gluten aber auf dem Rezeptor an der Oberfläche der Darmwandzellen sitzt, richtet sich die körpereigene immunologische Abwehr gegen diese körpereigenen Zellen und verursacht charakteristische Schädigungsmuster an der Schleimhaut.
Typischerweise befinden sich die Schädigungen bei Sprue-Patienten bevorzugt in den oberen Dünndarmabschnitten, weil dort Gluten verstoffwechselt wird. Je nachdem, wie schwer die Darmschleimhaut geschädigt ist, fallen auch die klinischen Beschwerden der betroffenen Patienten aus.
Der gesunde Dünndarm verfügt über viele Zotten (Erhebungen) und Krypten (zwischen den Zotten liegende Vertiefungen), die dazu dienen, die Oberfläche des Darms zu vergrößern. Bei Sprue-Patienten, die nicht behandelt werden und sich nicht glutenfrei ernähren, gehen diese Zotten und Krypten verloren, und die funktionelle Darmoberfläche verringert sich erheblich.
Der oft extreme Verlust funktioneller Darmfläche hat zur Folge, daß zur Resorption von verdauten Nahrungsbestandteilen eine immer kleiner werdende Fläche zur Verfügung steht. Viele Nährstoffe können dadurch nicht mehr aufgenommen werden, was langfristig zu chronischen Mangelerscheinungen führt. Dies ist besonders für die Resorption von Eisen relevant, die in den betroffenen Abschnitten des oberen Dünndarms stattfindet. Eisenmangel verursacht aber nachhaltige Störungen bei der Blutbildung.
Die zur Verfügung stehende Fläche funktioneller Darmwand betrifft in besonderem Maße auch wieder die Bereitstellung der unterschiedlichen Enzyme, die zur Verdauung der Vielzahl unterschiedlicher Nahrungsbestandteile unentbehrlich sind. Die jetzt in geringeren Mengen zur Verfügung stehenden Verdauungsenzyme hemmen die Aufspaltung vieler anderer Nährstoffe. Es kann die Eiweiß- und Fettverdauung sowie die Kohlenhydrataufspaltung eingeschränkt werden und wiederum zu spezifischen Beschwerden führen. Durchfall ist das Kardinalsymptom der einheimischen Sprue, die gekennzeichnet ist von großvolumigem, breiigem und übelriechendem Stuhlgang. In späteren Stadien, wenn auch die anderen Enzymsysteme betroffen sind, finden sich sogar Fettbeimengungen im Stuhlgang. Zu den üblicherweise mit Malabsorptions-Erkrankungen verbundenen Folgeerscheinungen gehört der Gewichtsverlust, und eine Vielzahl typischer Beschwerden außerhalb des Verdauungstraktes stellen sich ein.
Wie bereits oben erwähnt, entwickeln sich Eisenmangel und Folsäureverluste, bei denen auch eine verstärkte Blutungsneigung im Vordergrund steht, weil das Gerinnungssystem ebenfalls beeinträchtigt wird.
Die gestörte Eiweißverdauung bringt eine verstärkte Neigung zu Oedemen mit sich. Dies bezeichnet Wasseransammlungen im Gewebe, die besonders in der Knöchelregion auffällig werden und Beschwerden mit sich bringen. Die begleitenden Mineralstoffverluste führen auf Dauer zu einem Substanzverlust der Knochenmasse. Es entstehen Schmerzen des Skelettsystems und möglicherweise ein erhöhtes Risiko, Knochenbrüche zu erleiden.
Jeder Verlust essentieller Nährstoffe, Mineralien und Vitamine manifestiert sich ab einer kritischen Verlustmenge als krankheitswertiges, verlustspezifisches Beschwerdebild.
Die Symptome der Sprue können nur durch eine konsequente und lebenslange glutenfreie Ernährung beseitigt werden.
Jeder betroffene Patient sollte sorgfältig darauf bedacht sein, jede glutenhaltige Nahrung und alle Nahrungszusatz- oder Ergänzungsstoffe konsequent aus seiner Ernährung zu verbannen. Die Patienten müssen intensiv zum Umgang mit einer glutenfreien Diät ausgebildet werden und lernen, in welchen Nahrungsmitteln, die der Markt zur Verfügung stellt, Gluten enthalten ist. Zum Glück haben einige Hersteller den Diätbedarf dieser Patienten zur Kenntnis genommen und stellen glutenfreies Mehl und andere glutenfreie Backwaren zur Verfügung.
Unabdingbare Voraussetzung bei jeglichen mit der Sprue oder Zöliakie verbundenen Substanzverlusten ist die Ergänzung dieser verlorengegangenen Stoffe. Hierbei ist vor allem auf den Verlust von Eisen und Folsäure, von Vitaminen und Mineralstoffen zu achten. Flüssigkeits- und Mineralstoffverluste können mit entsprechend hergestellten, ausgewogenen Elektrolytlösungen sowie auch mit Mineralstoff- oder Vitamintabletten ausgeglichen werden.
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